Geschlechterwandel

Nachdem ich letzte Woche schon ein bisschen mit dem Google Ngram Viewer experimentiert habe, bin ich heute eher durch Zufall auf ein weiteres interessantes Ergebnis gestoßen. Aber der Reihe nach:

Vor einiger Zeit habe ich eine kleine Umfrage gestartet, mit der ich herausfinden wollte, wie sich die Verteilung des grammatikalischen Geschlechts bei Wörtern mit mehreren akzeptablen Möglichkeiten darstellt. Die Umfrage ist immer noch aktiv und ich freue mich immer über weitere Teilnahmen. Da die Teilnahmen in letzter Zeit ein wenig abgenommen haben, und der ngram Viewer auch einen Vergleich zwischen mehreren Datensätzen ermöglicht, habe ich jetzt für den Begriff „Liter“ eine Auswertung gestartet und eine Verteilung von „der Liter“ und „das Liter“ in den Datenbanken von google books erstellt. Das Ergebnis ist durchaus interessant:

Verteilung von „der Liter“ und „das Liter“ in google ngram Viewer (1800 – 2010)

Während die Verwendung von „der Liter“ in der Literatur zwischen den Jahren 1800 und 2010 keine größeren Schwankungen verzeichnet, zeichnet die Verwendung von „das Liter“ eine stark ansteigende Kurve bis in die 1920er Jahre, die anschließend wieder stark abfällt. Zwischen den 1840er und 1970er Jahren wird „das Liter“ insgesamt häufiger verwendet als „der Liter. Davor und danach ist jeweils „der Liter“ die vorherrschende Form. Auch hier fehlt mir noch eine Erklärung für die Ergebnisse, spannend ist die Kurve auf jeden Fall. Welches grammatikalische Geschlecht würdet ihr für „Liter“ verwenden? Macht doch bei der Umfrage mit und verhelft mir zu neuen Ergebnissen und Erkenntnissen.

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Wörter mit Verfallsdatum

Ich habe vor Kurzem ein neues Spielzeug entdeckt (Vielen Dank an https://singingfoxblog.wordpress.com an der Stelle für den Post des Anstoßes). Es handelt sich um den Google Ngram Viewer, der eine Statistik über die Anzahl von bestimmten Wörtern oder Wortketten innerhalb aller erfassten Dokumente in den Datenbanken von Google-Books erstellen kann. Das Interessante dabei ist, dass er die Anzahl der gefundenen Wörter über einen vorher definierten Zeitraum grafisch darstellen kann.

Anteil des Wortes „Habseligkeiten“ am gesamten deutschsprachigen Korpus von Google.

Da ich mich auch mit Sprachgeschichte beschäftige, habe ich einfach mal das schöne alte Wort „Habseligkeiten“ in die Suchmaske eingegeben und bin zu dem oben dargestellten Ergebnis gekommen. Der Duden definiert den Begriff als „[dürftiger, kümmerlicher] Besitz, der aus meist wenigen [wertlosen] Dingen besteht“. So ist es nicht sehr verwunderlich, dass der Gebrauch besonders in den Nachkriegsjahren ab 1945 bis zu Beginn der 1950er Jahre stark zugenommen hat. Anschließend im Wirtschaftswunder ist der Begriff dann offensichtlich unwichtig geworden. Für mich interessant ist allerdings der neuerliche Anstieg ab den 1990er Jahren bis zu Beginn der 2000er Jahre. Bis jetzt ist es nur eine Beobachtung, aber ich hoffe, dass ich dafür noch eine Erklärung finden kann.

Farblose Grüne Gedanken

„Colorless green ideas sleep furiously“; mit diesem eigentlich sinnlosen Satz hat Noam Chomsky einen bedeutenden Beitrag zur Sprachwissenschaft und -forschung geschrieben. Der Satz bezieht sich auf die These, dass wir als Menschen eine Art innere Grammatik besitzen, die es uns ermöglicht, grammatikalisch richtige Sätze von grammatikalisch falschen Sätzen zu unterscheiden. Nehmen wir den Satz und vertauschen die einzelnen Bestandteile in „*Green ideas colorless furiously sleep“ würden wahrscheinlich die meisten Menschen behaupten, dass der Satz so wenig bis gar keinen Sinn ergäbe.

Lange Zeit galt die Idee einer „inneren angeborenen Grammatik“ in weiten Teilen der Sprachforschung als ein absurdes Hirngespinst. Stattdessen ist man bisher weitläufig davon ausgegangen, dass der Sinn eines Satzes durch die statistische Berechnung von Wörtern und Wortfolgen sowie gewissen Lautreizen im Gehirn verarbeitet wird. Wissenschaftler der Max-Plank-Instituts für empirische Ästhetik haben jetzt allerdings durch Versuche herausgefunden, dass unser Gehirn tatsächlich Wörter, Phrasen und Sätze klar voneinander unterscheidet und der Reihe nach verarbeitet. Nachgewiesen werden konnte diese Entdeckung durch die Aufnahme der Hirnaktivitäten mithilfe von EEG-Untersuchungen. Dabei wurden die Schwingungen der Hirnströme gemessen und verglichen. Wurden nur einzelne Worte aneinandergereiht, ergaben die Auswertungen einen schnelleren Rhythmus der Hirnströme als bei der Verarbeitung von vollständigen Sätzen. Die Forscher konnten so nachweisen, dass unser Sprachverständnis tatsächlich aufgrund einer abstrakten „inneren Grammatik“ basiert.

Quelle: https://www.aesthetics.mpg.de/institut/news/news-artikel/article/wir-haben-die-grammatik-verinnerlicht.html


Drauf gepfiffen

Wir alle haben bestimmt schon einmal jemandem hinterher gepfiffen; sei es, dass wir die Aufmerksamkeit auf uns lenken wollten, oder aus flirttechnischen Gründen. Auf der spanischen Insel La Gomera hat sich jedoch ein ganzes Kommunikationssystem in Form von Pfiffen ausgebildet. Diese vereinfachte Kommunikation, „El Silbo“ genannt, ermöglicht es den Sprechern, bestimmte Informationen über große Entfernungen schnell zu übertragen. Insgesamt können 2 Vokale und 4 Konsonanten wiedergegeben werden. Das reicht sicherlich nicht aus, um sich ausführlich über den letzten Urlaub zu unterhalten oder hochwissenschaftliche Reden zu halten, aber wichtige, kurze Informationen lassen sich so schnell und einfach vermitteln. Durch diese geringe Anzahl von Ausdrucksmöglichkeiten kann „El Silbo“ nicht als eigene Sprache angesehen werden, daher habe ich in diesem Beitrag bewusst den Begriff „Kommunikationssystem“ verwendet. Entwickelt hat sich dieses Kommunikationssystem schon vor mehreren Jahrhunderten auf der Insel, erste Erwähnungen sind ab dem 15. Jahrhundert vorhanden. Seitdem ist es mündlich von Generation zu Generation weitergetragen worden und konnte sich so bis heute erhalten.

Seit 2009 ist „El Silbo“ Bestandteil der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der Unesco. Mittlerweile ist „El Silbo“ sogar Pflichtfach an den Schulen auf der Insel und demnächst soll ein Lehrstuhl zur Erforschung und Weiterbildung von „El Silbo“ eingerichtet werden. Vielleicht entwickelt sich ja in ein Paar Jahrhunderten doch noch eine vollständige Sprache. 

Pasta, Pinta und blaue Pants

Was haben eine Jeans, ein berühmtes Pesto und Christoph Kolumbus gemeinsam? Sie alle kommen aus Genua und haben von dort ihren Siegeszug durch die Welt gestartet.
Bei dem Pesto handelt es sich natürlich um das berühmte Pesto Genovese, das man auch selber leicht herstellen kann. Dazu benötigt man lediglich Basilikum, Pinienkerne, etwas Parmesankäse, Knoblauch sowie frisches Olivenöl. Alles miteinander in einem Mörser oder Zerkleinerer vermixen und fertig ist das Pesto. 

Christoph Kolumbus wurde tatsächlich um 1451 als Cristoforo Colombo in der Hafenstadt geboren, ehe er sich 1492 im Auftrag der spanischen Krone auf den Weg machte und auf dem Seeweg nach Indien eher zufällig Amerika entdeckte.

 Was aber haben jetzt die Blue-Jeans mit Genua zu tun? Die Antwort darauf ist relativ simpel. Als die ersten robusten Hosen entwickelt wurden, nahm man bevorzugt Stoff aus der italienischen Hafenstadt Genua, die in der Sprache der Mode, französisch, als Gênes bekannt ist. Aus der englischen Aussprache des „étoffe de Gênes“, also des Stoffes aus Genua entwickelte sich im Laufe der Zeit der Begriff Jeans. 

„Es“ ist der Wahnsinn

Das „S“ gehört für mich zu einem der interessantesten Buchstaben im Alphabet. Einerseits bestehen zumindest in der deutschen Sprache verschiedene Möglichkeiten, diesen Buchstaben richtig auszusprechen; was es nicht unbedingt leichter macht, die deutsche Sprache zu erlernen, andererseits existierte der dazugehörige Laut in drei verschiedenen schriftlichen Varianten. 

Da wäre zum einen das allseits bekannte „S,s“, das in der Fachsprache auch als rundes S bezeichnet wird. Hinzu kommt das „ß,ß“, das nun endlich auch als Großbuchstabe existiert. Die dritte Form ist im heutigen Schriftgebrauch nicht mehr vorhanden. Es handelt sich dabei um das so genannte „lange s“ oder Anlaut-s „ſ“. Wie der Name es vermuten lässt, wurde dieser Buchstabe innerhalb eines Wortes im Anlaut verwendet, so zum Beispiel um die „Wachs-tube“ von der Wach-ſtube zu unterscheiden.

Das heute noch verwendete „ß“ hat sich übrigens genau aus diesem alten Buchstaben entwickelt, indem das lange ſ mit der alten Schreibweise des „z“ mit einer Unterschlinge (ʒ )kombiniert worden ist. 

Eine Klasse für sich

Im europäischen Sprachraum haben sich im Laufe der Zeit bis zu drei grammatikalische Geschlechterrollen definiert, in die wir unsere Nomen einsortieren können. Die deutsche Sprache ist dabei schon mit 3 unterschiedlichen Geschlechtern, die auch noch von dem natürlichen Geschlecht abweichen können, schon eher ein Exot unter den Sprachen.

Es geht allerdings noch exotischer. Besonders in den Bantusprachen in Mittel- und Südafrika, aber auch in einigen Sprachen Mittel- und Südamerikas existieren so genannte Nominalklassen. Diese Klassen teilen Nomen Aufgrund ihrer Bedeutung oder ihrer Art in verschiedene Klassen ein. In den Mixtexsprachen in Mexiko existieren z.B. mehr als 8 dieser Klassen, die allerdings nie vollständig in einem Dialekt vorkommen. Insgesamt sprechen rund 480.000 Menschen diese Sprache, die sich dabei allerdings auf mehrere Dialekte verteilt. Die einzelnen Dialekte weichen teilweise so stark voneinander ab, dass eine Kommunikation untereinander kaum möglich ist.

Die Klassen unterteilen Objekte und Personen in verschiedene Gruppen ein. Dabei wird neben der üblichen Unterscheidung zwischen männlich und weiblich auch zwischen jung und alt sowie zwischen menschlich und tierisch, heiligen Gegenständen, Flüssigkeiten und nicht animalischen Gegenständen unterschieden. Für jede Klasse existiert ein entsprechender Klassifizierer, der an das Nomen angehängt wird, sowie ein eigenes Pronomen.

Für das Diuxi Mixtex sieht das Ganze dann wie folgt aus:

Bei so vielen Klassen bleibe ich doch lieber bei unseren drei grammatikalischen Geschlechtern, auch wenn diese nicht immer den natürlichen Geschlechtern folgen.